Donnerstag, 3. September 2015

Der gebrauchte Gebrauchshund


 
Zu verkaufen: Opel Zafira Baujahr 2005, Laufleistung 90500km, nur an erfahrene Autofahrer, da das Fahrzeug ein Gaspedal und vier Reifen besitzt.

 
Ja so schaue ich auch immer drein, wenn ich die Anzeigen für dringend abzugebende Gebrauchshunde oder Gebrauchshunde im Tierheim, lese. Unverständlicherweise haben diese Exemplare sehr zur Überraschung der Vorbesitzer Schutztrieb, Jagdtrieb, kein Interesse am allgemeinen Hundekugeln auf der Gassiwiese und der Sonntagsnachmittagsbummel durch die Fußgängerzone wurde auch von dem seltsamen Hundevieh torpediert. Vor einem solch schwierigen Hund muss man nachfolgende Besitzer schon explizit warnen, denn normal ist so ein Verhalten ja nicht…

Ich sehe mich um, in diversen Internetportalen der Tierheime, den online Kleinanzeigenmärkten und den einschlägigen Gruppen in Facebook und komme aus dem Kopfschütteln nicht mehr heraus. Der Markt ist voll von gebrauchten Gebrauchshunden – meist ohne Papiere – die im Alter zwischen 18 Monaten und drei Jahren dringend ein neues Zuhause suchen. Dabei ist es nicht der böse Sportler, der sein Sportgerät hier austauscht, es ist die Familie von nebenan, die so schnell wie nur irgend möglich ihren Familienhund an den Mann bringen will.

Der Gebrauchshund für den Familien- und Hausgebrauch ist gerade schick. Jeder der Mittwochs 5km Joggen geht, am Samstag ein bisschen in den Bergen wandert und alle paar Wochen eine Radtour unternimmt ist plötzlich der Meinung, dass nur DSH, Malinois, Dobermann und Co mit diesem ausufernden Sportprogramm mithalten können. Damit man sich von der Masse abhebt, muss es am Liebsten auch noch ein besonderes Exemplar sein, egal ob der blaue Königsdobermann oder der darkline Malinois nur das Ausgefallenste aus den Kleinanzeigen ist gut genug. Beim seriösen Züchter bekommt man diese exotischen Exemplare nicht, deshalb führt der Weg über die Kleinanzeigen zum freundlichen Hobby- und Profivermehrer von nebenan. Selbst jene, die sich mit einem normalen Rassevertreter zufrieden geben, finden nur selten den Weg zum seriösen FCI-Züchter, denn immerhin will man schließlich einen Familienhund und keine Welpen die deren Eltern dadurch ausgesucht werden, wie gut sie Menschen auf dem Hundeplatz beißen können. Denn es hält sich immer noch hartnäckig das Gerücht, dass es ausreicht arbeitsunfähige Gebrauchshunde zu verpaaren, um taugliche Familienbegleithunde zu erhalten.

Nur als kleiner Hinweis…. Wenn man am Formel 1 Boliden den Heckspoiler abschraubt, taugt er nicht mehr für die Grand Prix Strecke, er wird dadurch aber auch nicht zum familientauglichen Minivan. Ähnlich verhält es sich beim Gebrauchshund.

Aber daran denkt man an diesem Punkt nicht. Man sucht sich einen Welpen aus, garantiert familientauglich wie der Verkäufer versichert und nimmt ihn mit nach Hause. Die meisten Käufer freuen sich noch darüber, wie viel sie im Vergleich zum Kauf beim überteuerten Profi Züchter doch gespart haben. Wenn man Glück hat, überlebt der Welpe auch die ersten Wochen und hat nicht auf Grund seiner zweifelhaften Herkunft eine ausgewachsene Parvovirose Infektion mit ihm Gepäck. Doch auch ohne Viren und Parasiten beginnt für viele mit ihrem vermeintlichen Familienhund bereits nach wenigen Tagen die Hölle. Je nach Abstammung können DSH, Mali und Co bereits im Alter von wenigen Wochen eigensinnige, spitzzahnige Monster sein, die nicht unbedingt die geeignetsten Spielkameraden für ein 5jähriges Kind sind, vor allem nicht wenn die Eltern wenig Erfahrung im Umgang mit diesem Typ Hund haben. Bereits in dieser frühen Phase finden viele der zukünftigen Familienhunde ihren Weg zurück in die Kleinanzeigenportale, wo sie „umständehalber“ dringend eine neue Familie suchen oder direkt im nächsten Tierheim landen.

Andere Besitzer halten länger durch und erleben die Entwicklung ihres Familienhundes mit. Sie sind da, wenn ihre Jungspunde den ihnen im Blut liegenden Beutetrieb entdecken und versuchen ihn zu befriedigen, egal ob das nun durch die Jagd auf Nachbars Katze oder den Ball der spielenden Kinder geschieht. Etwa zur selben Zeit beginnen die Hunde damit, territoriale Ansprüche zu erheben und Besucher am und im eigenen Haus sind plötzlich nicht mehr willkommen. Wer Glück hat, hat an dieser Stelle noch einen gesunden, wesensfesten Junghund, dem einfach nur die richtige Erziehung und Führung fehlen. Hat man Pech, hat die mangelnde Selektion auf die Wesensmerkmale und Leistungen der Gebrauchsrassen einen unsicheren, wesensschwachen Hund hervorgebracht, der im schlimmsten Fall auch noch mit Erbkrankheiten zu kämpfen hat.

An diesem Punkt gibt die nächste Welle auf. Zu riskant erscheint das Leben mit einem Hund der nicht kontrollierbar auf die Jagd geht und sich aggressiv gegen Menschen verhält. Hier finden sich dann die ersten Anzeigen und Vermittlungstexten in denen nach „Rassekennern und Sportlern“ gesucht wird und die Empörung ist groß, wenn das Interesse dieser Gruppen an einem unerzogenen, meist nicht untersuchtem Hund ohne gesicherte Abstammung gering ist.

Für alle andere führt der Weg zum Problemhundetrainer. Die wenigen, glücklichen Hundehalter werden einen Trainer finden, der sie darüber aufklärt, welche Art Hund sie an der Leine haben und was diese Rassen benötigen, um ein zufriedenes und unauffälliges Leben führen zu können. Hat der Hund dann auch noch besonders viel Glück, sind seine Halter bereit und fähig dies auch im Alltag umzusetzen. Für alle anderen beginnt ein Leben in dem sie von einem Hundetrainer zum Nächsten tingeln, dutzende Methoden und Modelle kennen lernen und ein Hundeleben lang Unsummen darauf verwenden gegen Probleme anzutrainieren und zu managen, die man nicht hätte, wäre man sich auch nur im Grundsatz über die Bedürfnisse und den Charakter der Rasse bewusst, die man an der Leine führt.

Manche Hundehalter sind standhaft und halten Training und Management durch, andere geben an irgendeinem Punkt der Strecke schließlich entnervt oder auch aus Angst auf. Für diese Hunde wird dann der Rassekenner gesucht, idealerweise Sportler um den Hund richtig auszulasten oder noch besser Diensthundeführer, denn Mali Rüde Fips hat ja bereits drei Mal Besuchern in die Beine gehackt. Ein wirkliches Happy-End gibt es für die wenigsten dieser Hunde. In den meisten Fällen findet sich früher oder später ein Tierfreund, der die nächste Runde aus Hundeschule und Management einläutet und versucht den Familiengebrauchshund irgendwie in sein Leben zu integrieren. Bei manchen kann es klappen, doch viele werden früher oder später die Grenzen der Leidensfähigkeit ihrer neuen Besitzer erreichen, wieder zurück ins Tierheim gehen und dort weiter warten, ob nicht doch eines Tages der erfahrene Sportler dort auftaucht, um dem 7jährigen ängstlichen DSH mit den kaputten Ellbogen doch endlich zur Gebrauchshundkarriere zu verhelfen.

Mir ist bewusst, dass nun gleich ein dutzend Hände in die Höhe schießen werden, um darauf aufmerksam zu machen, dass sie mindestens einen Gebrauchshund kennen, der ganz ohne alle Auslastung und Erziehung ein glückliches und zufriedenes Leben führen kann. Ja es gibt sie, die Gebrauchshunde die keine Ansprüche stellen, sich beim Welpenkauf darauf zu verlassen, dass man eines dieser Exemplare erwischt, ist leichtgläubig und führt meist zu den oben beschriebenen Problemen.

Natürlich können auch Mali, DSH, Dobermann und Co unauffällig in einer Familie leben und die meisten Rasseangehörigen tun dies auch. Allerdings unter der Bedingung, dass sich die Besitzer der Besonderheiten dieser Rassen bewusst sind und diese Hunde an erste Stelle das leben lassen, was sie sind. Wer sein Zuhause mit Mali, DSH und Co teilen möchte, sollte sich immer bewusst sein, dass diese Hunde Ansprüche haben und es entgegen aller Werbeversprechen den pflegeleichten Begleiter in Gebrauchshundoptik nicht gibt. Wer in seinem Leben keinen Platz für einen anspruchsvollen Hund mit schnellen Reflexen, ausgeprägten Jagd- und Schutztrieb hat und nicht gewillt ist, mit seinem Vierbeiner regelmäßig zu arbeiten, sollte sich einer anderen Rassegruppe zu wenden.



Kommentare:

  1. Wie war, das sollte bei den Kleinanzeigen als Banner erscheinen

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  2. Selten einen so treffenden Bericht gelesen (y)

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  3. Ganz lieben Dank für den schönen Blog ... ich habe alle Beiträge nachgelesen und habe mich köstlich amüsiert, ja, genauso ist es. Und Geld habe ich auch gespart dank der schönen Buchbesprechungen ... bitte weiter so! :-) Ruth

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