Sonntag, 7. Januar 2018

Die nächste Runde im Karussell




Vor fast drei Jahren fing hier alles an. Den Startschuss zu Barks’n Books gab damals die Veröffentlichung eines eher wenig bekannten Hundetrainers, dessen Publikation im Eigenverlag damals darauf abzielte seinem Verfasser durch unreflektiertes IPO Bashing ein wenig Ruhm zu verschaffen. Ein Unterfangen das scheiterte, sowohl bei der Ersterscheinung des Buches, wie auch bei der „neuen verbesserten“ Auflage.

Und dennoch versucht erneut jemand auf Kosten des IPO Sports seinen Namen ins Rampenlicht zu schubsen. Ein Herr von dem außerhalb seiner eigenen Hundeschule noch niemand etwas gehört hat, ruft zum großen Test auf, um der ganzen Welt zu beweisen, wie gefährlich Hunde sind, die im Schutzdienst geführt werden. Hierfür sucht er in den sozialen Medien Freiwillige, die sich mit ihren Profihunden seiner Untersuchung stellen und im Anschluss auch gleich ein Seminar bei ihm – selbstverständlich gegen Bezahlung – absolvieren können, um zu lernen, wie man die Hunde, mit denen sie schon seit Jahren problemlos zusammenleben, wieder resozialisieren und unter Kontrolle bringen kann.
Als wäre diese Ausgangsüberlegung nicht schon absurd genug, kamen folgende Anforderungen an den Hund:
·         Seit mindestens vier Jahren professionell im Sport
·         International erfolgreich und schon viele Preise gewonnen
·         Kein Diensthund
·         Kein Hobbyhund
·         Darf ausschließlich im Schutzdienst gearbeitet sein
Jedem, der auch nur den Hauch einer Ahnung von dieser Sportart hat, dürfte klar sein, wieso dieser betreffende Herr keine Probanden gefunden hat und vermutlich auch nie welche finden wird. Er selbst tobt aktuell immer noch durch die sozialen Medien und pöbelt gegen die feigen Sportler, die sich ihm und seinem großen Wissen nicht stellen wollen.

Wieso ich mich mit dieser dummen Werbekampagne überhaupt auseinandersetze und ihr einen Artikel widme? Weil mich die Vehemenz und der Fanatismus dahinter erschreckt und weil es kein Einzelfall ist.
Ablehnung und Unwissenheit finden sich an vielen Orten, doch mich erschreckt die unglaubliche Aggression und der Hass, der einem von den IPO Gegner entgegenschlägt und die Frage, woher das kommen mag, lässt mich nicht los.

In keinem anderen Bereich wird man derart unqualifiziert angefeindet wie im IPO Sport. Auf die Ringsportarten will ich bei der Thematik nicht weiter eingehen, weil die meisten Hetzer davon noch nie in ihrem Leben gehört haben.
Es sind immer die selben Vorwürfe. Die Hunde werden scharfgemacht, die Hunde sind gefährlich, die Hunde werden außerhalb der Trainingszeit im Zwinger vergessen, die Hunde werden misshandelt… Mit Argumenten und Beispielen aus der Realität kommt man nicht dagegen an. Auf einem Hundeplatz live bei einer echten IPO Ausbildung dabei, war von den Leuten meist noch nie jemand. Denn man weiß ja, wie das abläuft, hat einmal ein Video gesehen, von anderen gehört wie schlimm das ist und Opa hat auch erzählt, wie man das schon immer gemacht hat. Realität scheint in dieser Diskussion nicht zu interessieren, es regieren Hass, Angst und Vorurteile.

Doch woran liegt es?
Liegt es daran, dass der IPO Hund, selbst wenn er privat der netteste, friedlichste Hund sein kann, die Leute zu sehr daran erinnert, dass das Tier zu ihren Füßen kein lebendig gewordenes Plüschtier ist, sondern immer noch Zähne hat? Ist es die Angst vor der Erkenntnis, dass auch der hübsche kuschlige Hund, ausgesucht nach den neusten Modeströmungen und eingekleidet mit hübschen bunten Halsbändern und verschiedensten Mänteln für alle Wetterlagen immer noch ein Raubtier ist?

Gerne kommt in dieser Diskussion auch das Thema des Zwangs auf. Der Sportler – und hier fast immer der IPO Sportler – instrumentalisiert seinen Hund, zwingt ihn zum Sport für das eigene Ego und den eigenen Erfolg, ohne Rücksicht auf den Willen des Hundes. Der Hund hat keine Wahl.
Die Wahl des Hundes… ein Thema, das eigentlich beinahe einen eigenen Eintrag wert wäre. Denn auch wenn wir es uns immer gerne einreden, keiner unserer Hunde hat wirklich die Wahl und die Möglichkeit, sein Leben selbst zu bestimmen. Er muss so leben, wie wir es für richtig halten und das nicht nur im Sport. Der Hund kann sich nicht aussuchen, ob er bei uns leben möchte, ob er Einzelhund sein oder sein zu Zuhause mit mehreren Artgenossen teilen soll, Futter, Auslauf, Beschäftigung, Zuneigung. Erziehung, Körperpflege, medizinische Versorgung und oftmals auch die Entscheidung wann er stirbt…
Bei nichts von alle dem hat der Hund eine Wahl. Er kann einzig und allein darauf hoffen, dass sein Besitzer möglichst passend erkennt, wo seine Bedürfnisse liegen. Wieso also wirft man den anderen vor, in ihrer Wahl egoistisch und rücksichtslos zu sein? Vielleicht weil es den eigenen Horizont übersteigt, dass Hunde auch jenseits des eigenen Tellerrands glücklich sein können und dass nicht nur der eigene Weg und die eigenen Entscheidungen richtig sind.

Gerne wird auch mit der Gewalt in der Ausbildung argumentiert. Fragt man dann, wo und wann sie diese erlebt haben, wird abgewinkt. Man selbst habe noch nie einen Fuß auf einen Trainingsplatz gesehen, aber man wisse ja, wie dort gearbeitet wird.
Ich werde es an dieser Stelle nicht schönreden. Die Methoden haben sich in den letzten Jahren stark gewandelt, was nicht bedeuten soll, dass die ganze IPO Welt zu einer rosa Wattebauschwiese geworden ist. Aber das ist die ganze Hundewelt nicht. Der Sport ist nur ein Spiegel der allgemeinen Lage in der Welt der Hundehalter. Und so findet man im IPO, wie auf der Hundewiese und auch all den anderen Sportarten einen Querschnitt durch alle Schichten der Hundebesitzer, vom Wattebauscher, über den Chaoten, den Perfektionisten und den Schlamper bis hin zum Hardliner alles und jeden. Wieder eine Wahrheit, die man nicht hören will.

Egal wie oft man die Frage stellt, wie oft man die Diskussion auch durchsteht, man hat das Gefühl in einem Karussell zu sitzen. Selbst wenn man das Ende der Fahrt erreicht hat, beginnt schon in Kürze die nächste Runde mit den immergleichen Vorwürfen, der ständigen unterschwelligen bis offenen Aggression und dem gleichen Ausgang, wie in den Runden davor.
Und so wird wohl auch in absehbarer Zeit ein neuer namenloser Hundetrainer auf seine 5 Sekunden Ruhm lauern und versuchen mit einer Hetzschrift oder einem unsinnigen Wesenstest den IPO Sport instrumentalisieren, um seinen eigenen Namen in ein paar Diskussionen lesen zu können und schon beim ersten Aufruf ganz klar den Beweis erbringen, dass er weder von dieser Art Sport noch von der Ausbildung auch nur die geringste Ahnung hat.



Sonntag, 31. Dezember 2017

Räuberpistolen...




Es ist eines der Themen, die in schöner Regelmäßigkeit durch die sozialen Medien geistern und zu dem jeder eine ganz eigene Gruselgeschichte hat, der angebliche organisierte Tierdiebstahl. Wieso mir dieses Thema ausgerechnet heute an Silvester in den Sinn kommt? Weil heute vor fünf Jahren hier in der Region eine dieser Räuberpistolen ihren Anfang nahm. Ein Hund entlief aus Angst vor einem Silvesterböller und wird bis heute gesucht, weil man der festen Überzeugung ist, dass jemand diesen Hund damals entführt hat. Heute ist eine Belohnung über mehrere tausend Euro ausgesetzt, die zum Auffinden des Hundes führt, damals waren 75€ für einen Microchip jedoch wohl zu teuer, denn der geliebte Hund war nicht gekennzeichnet. Bis heute flattern Flugblätter über die Gassistrecken, regelmäßig taucht der Suchaufruf bei Facebook auf und ebenso regelmäßig werden Drohungen gegen den Dieb ausgesprochen und Leute mit ähnlich aussehenden Hunden genötigt zu beweisen, dass ihr Hund nicht gestohlen ist.
Die fixe Idee des Diebstahls ist so fest in den Köpfen der Menschen verankert, dass die wesentlich wahrscheinlichere Tatsache, dass ein nicht gekennzeichneter Hund der auf der Schnellstraße (für den panischen Hund in 5 Minuten zu erreichen), der Autobahn (15 Minuten) oder am Flussufer (20 Minuten) tot aufgefunden wird, ohne weitere Meldung entsorgt wird.

Irgendwie scheint es in den Köpfen der Menschen eine festverankerte Tatsache zu sein, dass die ganze Welt dort draußen nur darauf aus ist, ihren Vierbeiner zu entführen und zu foltern. Wozu die Hunde (und Katzen) angeblich gestohlen werden, stellt dabei jeden Horrorfilm in den Schatten. In der Vorstellung der Hundehalter werden ihre Lieblinge ins Versuchslabore verschleppt, zum Vergasen nach China transportiert, um als Fellbesatz am Mantelkragen zurück zu kehren, in Vermehreranstalten nach Osteuropa entführt oder in Kampfhundearenen geworfen.  In besonders großem Verdacht stehen hier immer die Altkleidersammler. Auch bei den Fangmethoden scheint der Kreatitvität keine Grenzen gesetzt zu sein. Angeblich operieren die Diebesbanden mit Hightech Equipment. Umgebaute Autos mit automatischer Bodenklappe und Spezialpheromonen, die jedes Tier willenlos machen, sind noch die konventionellsten Methoden, mit denen aufgewartet wird.
In eingängigen Internetforen und Facebook überschlagen sich die „Erfahrungsberichte“. Wobei niemand je wirklich etwas davon gesehen hat und die Schreibenden in den seltensten Fällen selbst betroffen sind. Meistens sind es Geschichten, die dem Bruder des besten Freundes des Nachbarn passiert sind. Auch wieder holen sich die Geschichten seit über zwanzig Jahren immer und immer wieder. Mit Logik braucht man an dieser Stelle gar nicht einsetzen.
Dass in den verbliebenen Tierversuchslaboren in Deutschland nur Versuchstiere aus eigener Zucht eingesetzt werden, interessiert nicht. Die gestohlenen Hunde werden alle ins Ausland geschafft, lautet dann die Antwort. Die Frage nach der Rentabilität wird ignoriert.
Selbst wenn man nur von ordinären Fallenstellern ausgehen. Wieso sollten zwei oder drei Mann Teams in einem weißen Kastenwagen mehrere hundert Kilometer nach Deutschland fahren, Essen für mehrere Tage und Diesel verschwenden, wenn man dank dem modernen Internetkleinanzeigenmarkt auch in Ostdeutschland ungewollte Hunde einfach für 2,50€ einsammeln kann? Auch stellt sich die Frage, wieso nie auch nur ein einziger dieser mit dutzenden Hunden gefüllten weißen Transporter jemals einer Polizeikontrolle aufgefallen ist. Welpenschmuggler werden ebenso regelmäßig aufgegriffen, wie Drogenkuriere. Wie schaffen es also die Haustierdiebe seit Jahrzehnten vollkommen unentdeckt regelmäßig Massen an Hunden außer Landes zu schaffen?

In all den Jahren, die ich mich jetzt mit Hunden beschäftige sind mir eine Handvoll von Fundhundunterschlagungen untergekommen, bei denen ein gefundener Hund ohne Kennzeichnung behalten wurde, zwei Fälle in denen der Hund vom Expartner gestohlen wurde, einen Fall in dem eine geistig verwirrte Person einen angeleinten Hund vor einem Geschäft stahl und ein Fall bei dem im Zuge einer Privatfehde ein Zuchthund gestohlen wurde.
Der organisierte Hundediebstahl vor dem im neuen Jahr wieder gewarnt wird, sobald jemand Altkleider sammelt, ist mir noch nie untergekommen.
So leid es mir für die Besitzer des Hundes aus dem Eingangsbeispiel auch tut, es macht keinen Sinn sich an dieser Räuberpistole festzuklammern. Manchmal muss man sich schlicht damit abfinden, dass es kein großes Böses gibt, dass einem so etwas antut, manchmal macht man schlicht einen Fehler mit weitreichenden, tragischen Folgen.

In diesem Sinne wünsche ich allen Hundehaltern einen ruhigen Silvesterabend. Sichert eure Hunde die nächsten Tage, um zu vermeiden, dass auch ihr euch auf Grund eines tragischen Verlusts eine solche Geschichte einreden müsst und zum Weiterleben dieser urbanen Legende beitragt.


Donnerstag, 28. Dezember 2017

Barbara Ertel & Sandra W. Wichers – Der Verständigungsschlüssel zum Hund



Unser 19. Buch.

Eines vorweg, es ist extrem schwer, nein es ist unmöglich, unvoreingenommen an dieses Buch heranzugehen. Ich war komplett überrascht, dass meiner Anfrage nach einem Rezensionsexemplar wirklich nachgekommen wurde, aber mit dem Wissen welches Leid die Lehre rund um die vererbte Rudelstellung in der Hundewelt bereits ausgelöst hat, möchte ich hier von vornherein darauf hinweisen, dass die Lektüre und Rezension dieses Buches rein dazu diente, die Argumentation und Gedankengänge dahinter besser verstehen zu können, um die Chance zu erhöhen, dass man bei künftigen Begegnungen mit Interessenten dieser „Theorie“ besser gewappnet ist, mit zielgerichteter Argumentation möglichst viele davor bewahren zu können, mit ihrem Hund diesen Irrweg einzuschlagen.

Schon die Einführung, in der die Autorin erklärt, woher ihr Wissen stammt, wirkt befremdlich. Das blutjunge Mädchen, das eigentlich nur einen Hund bein einem älteren Mann kaufen will und ihn letztlich erst einmal begleiten und seine „Kunst“ erlernen muss, klingt im besten Fall eigenartig. Es stellt sich auch die Frage, wie die Autorin ihren Lebensunterhalt bestritten hat, wenn sie ein Jahr lang mit Herrn Werner durch ganz Deutschland gereist ist, um 60 Würfe über mehrere Tage zu beobachten. Zumal man sich auch wundert, wieso der große Meister sein Geheimwissen nur an dieses fremde Mädchen, zu dem er keinerlei Verbindungen hatte, weitergab. Egal, es ist eine schöne Story von der einen Auserwählten, wie man sie aus der modernen Literatur zur Genüge kennt und von der man weiß, dass Leser sie lieben.

Im Anschluss erklärt die Autorin, den Aufbau des strukturierten Rudels mit allen sieben Stellungen innerhalb des Rudels und auch, dass die Hunde sich bei Wanderungen nur entsprechend ihrer Stellungen aufreihen. Fehlt die Struktur im Rudel, so die Behauptung, würde man das bereits an der Formation beim Laufen erkennen Solche unstrukturierten Rudel müssten unbedingt vermieden werden, weil sie Stress und Aggression in der Gruppe fördern. Das größte Probleme der modernen Hundehaltung sei, dass dies nicht erkannt werde.
Es wird kein ernstzunehmender Gedanke daran verschwendet, wieso die Verhaltensbiologie und der Rest der Welt die unumstößlich angeborene Geburtsstellung nie thematisiert haben. Man ist felsenfest überzeugt, das Ei des Kolumbus Mitte des 20. Jahrhunderts in einer Gartenlaube gefunden zu haben.
Im Anschluss wird kurz auf die verschiedenen Stellungen innerhalb des Rudels und deren Unterschiede eingegangen. Der Leser wird mit verschiedenen Leit- und Bindehunden bekannt gemacht, für jede Stellung gibt es dazu eine eingängige Abkürzung. Die Stellung sei angeboren, würde sich wie Rasse und Geschlecht ein Leben lang nicht wirklich ändern bzw. ändern lassen und dem Hund von der ersten bis zur letzten Sekunde festlegen, welche Aufgaben dieser Hund übernehmen kann und soll. Man ist der felsenfesten Überzeugung, dass Rasse, Geschlecht und Individualität hinter die Geburtsstellung in der Bedeutung zurücktreten. Alles egal, alles kann vernachlässigt werden, so lange man nur die Stellung des Hundes kennt und respektiert.
Das Erkennen und Einordnen der einzelnen Stellungen wird im Anschluss behandelt und es wird gleich von Anfang an klargemacht, dass es hier große Schwierigkeiten geben kann. Zusammengefasst kann man eigentlich sagen, dass man, diese schwierige Aufgabe am Besten auf einem kostenpflichtigen Seminar einem „Profi“ überlässt. Im Anschluss erhält jeder Hundetyp eine kurze Erklärung, welche Charaktereigenschaften sich aus seinen Aufgaben im Rudel ergeben, wie man als Mensch damit umgehen muss, mit einem solchen Hund zusammenzuleben und welche – meist negativen – Auswirkungen es hat, wenn diese Vorgaben nicht berücksichtigt werden.
Es folgen vier Seiten verwackelte Fotos auf denen Treffen von Hunden zu sehen sein sollen, die sich gegenseitig korrekt in ihrer Stellung identifizieren.
Doch die Unterscheidung in sieben Stellungen reicht noch nicht, die Autorin hat, abweichend von den Lehren ihres Meisters, noch zusätzlich sechs weitere Einteilungen „erarbeitet“, die beschreiben, wie eindeutig die Stellungen ausgeprägt sein sollen. Spätestens an diesem Punkt schwirrt dem Leser der Kopf.

Es folgen eine Menge Anmerkungen zum alltäglichen Leben mit Hunden aus denen eine Behauptung besonders hervorsticht. So wird den Hunden die Anpassungsfähigkeit und Flexibilität abgesprochen. Laut Frau Ertel handelt es sich bei den beobachteten Anpassungen nur um eine Kompensationsstrategie, gleichsam einer Zwangsstörung zur Trauma Bewältigung, wenn die Tiere nicht entsprechend ihrer Rudelstellung leben können. Die Rede ist von großem seelischen Leid und Qualen, die ein solches Leben den Hunden bereitet, die ihnen der Profi auch ansieht, die nur vom Halter zu oft übersehen werden. Man packt die Hundehalter dort wo es wirklich schmerzt, nämlich beim Vorwurf man würde den geliebten Vierbeiner leiden lassen und dieses Leid auch noch selbst verursachen.
Auch bei Ausbildung, Sport und Beschäftigung muss man selbstverständlich auf die Rudelstellung achten. Bestimmte Stellungen eignen sich für bestimmte Aufgaben, die Rasse ist hierbei mal wieder Nebensache. Nach dieser Logik ist der V3 oder N3 Golden Retriever IMMER der bessere Personenschutzhund als der V2 oder N2 Rottweiler, während Eckhunde offensichtlich gar nicht ausgebildet werden können/sollen, an ihnen soll man sich einfach an ihrem Charakter erfreuen. Eine hervorragende Ausrede für jeden unerzogenen Hund.
Was folgt ist nochmal eine Aufschlüsselung der einzelnen Stellungen und worauf man bei ihrer Erziehung achten muss, wer sich für Einzelhaltung eignet, wer unbedingt einen oder mehrere andere Hunde im Haushalt benötigt, wie man Paar- und Mehrhundehaltung bis zum Teilrudel oder kompletten Rudel aufbaut, wie man Fehlstellungen vermeidet und „Lücken“ füllt, wieso es bei Senioren noch wichtiger ist, auf bestimmte Dinge zu achten und wie man mit verhaltensauffälligen Hunden umzugehen hat.
Wieder ein Satz verwackelter Fotos und dann geht es an die Königsdisziplin: Zucht und Zuchtbeurteilung nach Rudelstellung.
Gesund und glücklich und vor allem „normal“ können Hunde nur werden, wenn sie bereits vom ersten Tag an in ihrer angeborenen Stellung „professionalisiert“ werden. Es wird in drei Kategorien aufgeteilt. Ein Wurf kann perfekt, akzeptabel oder nicht akzeptabel sein.
Im perfekten Wurf sieht die Autorin sieben Welpen mit unterschiedlicher Stellung, dies wirke sich nicht nur ideal auf den Charakter, sondern auch auf die körperliche Gesundheit aus. Im akzeptablen Wurf fehlen Stellungen, aber nie der mittlere Bindehund, weil dieser dafür sorgt, dass die fehlende Stellung durch andere kompensiert wird. Alle anderen Würfe werden als „nicht akzeptabel“ eingestuft, sprich jeder Wurf mit mehr als sieben Welpen ist nach Wertung der Autorin eine Katastrophe, die keine Chance auf eine unauffällige Entwicklung haben und stets Verhaltensauffälligkeiten entwickeln würden. Mutterhündinnen die „stellungsstark“ seien, würden solche Würfe „reparieren“ oder auch „komplett vernichten“. Eine Ansicht, bei dem es jedem kalt den Rücken runterläuft. Eine Hündin, die die eigenen Welpen tot beißt, sobald es mehr als sieben sind, ist also offensichtlich in der Welt der Rudelstellung ein erstrebenswertes Ziel.
Fortpflanzen sollten sich ohnehin nur bestimmte Stellungen, was sich angeblich im kompletten Rudel automatisch und selbstverständlich ergeben würde und automatisch dazu führt, dass nur perfekte Würfe fallen. Auch die Ordnung in der Wurfkiste sei essentiell für die Entwicklung der Welpen, so dürfe man die Welpen nicht umlegen, um die Stellungen nicht zu verwirren und die Entwicklung nicht zu gefährden. Hier drängt sich die Frage auf, wie das örtliche verschieben der Welpen auf den zwei Quadratmetern einer Wurfkiste so großen Einfluss haben kann, dass es die genetische Veranlagung stören kann, aber darauf wird selbstverständlich nicht eingegangen.
Spannend sind auch die Ausführungen zu Fehlentwicklungen in „nicht akzeptablen“ Würfen. So gäbe es angeblich in natürlich strukturierten Verbänden, niemals Mehrfachbesatz. Die Biologie erkennt automatisch, wenn sich Vorderer Leithund und Mittlerer Bindehund verpaaren und begrenzt die Welpenzahl automatisch auf sieben. Laut Ertel krankt die moderne Hundezucht in erster Linie daran, dass IMMER der falsche Deckrüde gewählt wird, weil sich der VLH weder als guter Familienbegleithund noch als Arbeitshund eignet. In der Welt der Rudelstellung ist die natürliche Selektion und Vererbungslehre offensichtlich ein Märchen. Gezüchtet werden soll nicht mit Hunden, die die Eigenschaften aufweisen, die man erhalten will, sondern nur anhand der beim schlafenden Welpen zugeordneten Stellungen, um stets körperlich und geistig gesunde siebener Würfe zu produzieren vom Chihuahua bis zur Deutschen Dogge…
Den Abschluss bilden wieder zwei Blöcke verwackelte Fotos, die irgendetwas von dem geschriebenen verdeutlichen sollen, eine Zusammenfassung, was die Autorin bereits erreicht hat und was sie mit ihrem Verein noch erreichen will, eine Danksagung einer Züchterin, die zu meinem großen Entsetzen im VDH züchtet, Adressen für alle, die sich mehr mit dem Thema auseinandersetzen wollen und nochmal ein Glossar mit einer Kurzerklärung der „wichtigsten“ Begriffe.

Nach 198 Seiten mit übertrieben großem Schriftbild, 119 teils extrem verwackelten Beweisfotos und einer Hand voll Diagrammen dreht sich alles, vor allem weil einem vom andauernden Kopfschütteln mit der Zeit schwindelig geworden ist. Ich hatte erhofft im „Verständigungsschlüssel“ wenigstens ansatzweise eine Erklärung dafür zu finden, wieso immer wieder Hundehalter dieser Philosophie folgen, selbst solche von denen man mehr erwarten würde. Es bleibt unbegreiflich, wie ein Züchter, der auch nur ein einziges Basisseminar in Zucht und Genetik besucht hat, irgendetwas davon glauben kann. Wer sich nie mit der Thematik Hund, Rassen und Charakterbildung auseinandergesetzt hat, könnte an der ein oder anderen Stelle ins Netz gehen, doch spätestens beim Thema „Zucht“ sollte der gesunde Menschenverstand ausreichen, um sehr, sehr skeptisch zu werden und das selbst dann, wenn man der Autorin nicht zufällig früher auf einer großen Online Plattform begegnet ist, zu einer Zeit, in der sie sich offenbar temporär der Lehren ihres Meisters nicht mehr bewusst war.

Das Buch ist ein erschreckendes Zeugnis, wie vehement man echte wissenschaftliche Erkenntnisse leugnen kann und wie schnell man Menschen einwickeln und verführen kann, wenn man nur genug von sich selbst überzeugt zu sein scheint, die Leute auf der emotionalen Breitseite erwischt („DU bist schuld, dass dein Hund seelische Höllenqualen leidet!“) und gleichzeitig eine vermeintlich einfache Lösung parat hält.

Ich hoffe, das nächste Buch auf meiner Leseliste wird mich nicht derart entsetzen und mich nicht erschüttert und fassungslos zurücklassen:

Klaus Glöckner: „Der gewaltfreie Weg zum Verbellen“